Wenzel Storch: Der Matten-Gott (Grand Funk Railroad)


Das Dorf, in dem wir wohnten, hieß Kleinreinemachen. Kleinreinemachen lag im Landkreis Großreinemachen. Kaum hatten die Wasserhähne dreimal gekräht, schon sprangen die Familien fröhlich aus den Betten. Nachdem das Morgengebet verrichtet war, fingen die Mütter an zu putzen. Denn in Kleinreinemachen wurde bis zum Dunkelwerden geputzt. Ob Telefonzelle oder Bushäuschen, ob Zebrastreifen oder Verkehrsschild, ob Schaukelpferd, Haustier, Komposthaufen oder Apfelbaum, alles wurde ständig eingeseift, poliert und blankgewischt.
In den benachbarten Landkreisen, so erzählten sich die Einheimischen, stank es wie im Arschloch des T-Rex. So hatte es im Magazin Merian gestanden. In den umliegenden Landkreisen wiederum tuschelte man, dass in Großreinemachen schreckliche Dinge passierten. Zum Beispiel, dass dort aus alten Frauen Abwaschschwämme gebastelt würden.
Das also war die Welt, in der ich aufwuchs, und mit jedem Schuljahr wurde ich nachdenklicher. Mehr als einmal fragte ich mich: Was sind das für Zeiten, wo Purzelbäume fast ein Verbrechen sind? Doch eines Tages, es war im Herbst 1972, ich ging in die 5a, und der Stimmbruch lag noch in weiter Ferne, öffnete sich für Sekunden die Tür zu einer anderen Welt. Wenn auch nur einen Spalt breit…
Meine Mutter hatte mir, wie jeden Abend, das Märchen von den tanzenden Waschlappen vorgelesen und wollte mir eben einen Gutenachtkuss geben, als am Fenster eine verschwommene Gestalt sichtbar wurde. Wie verzaubert kletterte ich aus dem Bett und stellte mich neben Mama hinter die duftende Gardine. Ich spürte, wie sich die Nackenhaare meiner Mutter aufrichteten, dann rollten ihr eiskalte Semmelknödel den Rücken herunter: Die fremde Gestalt trug einen Strampelanzug – oder besser: eine ärmellose Ganzkörperglockenhose, hauteng an Oberschenkel und Gesäß – und um die Hüften wand sich, wie eine Schlange, ein breiter Glitzergürtel.
So einen Gürtel hatte ich auch immer haben wollen, denn obwohl ich bald zwölf wurde, mussten mir die Hosen noch mit Klebstoff am Körper festgeklebt werden. Während Mamas Hand die meine suchte, beugte sich der Mann über den Gartenzaun. Dabei fiel ihm das lange Haar wie ein dreckiger Vorhang vors Gesicht. Die frischgewaschenen Blumen, die zum Teil schon eingenickt waren, reckten sich dem Betrachter verschlafen entgegen, und während der Fremde den Duft einsaugte, hörte ich mich laut aufschreien – denn ich kannte den Mann! Der Mann hieß Mark Farner und gehörte zu Grand Funk Railroad. Zur lautesten Rockgruppe der Welt!
Mit meinem Schrei ist auch die Seifenblase zerplatzt, und ich liege wieder oben in dem wackligen Etagenbett, das ich mit meinem Bruder teilen muss. Der Traum, das Mark-Farner-Poster, das ich in der ersten großen Pause gegen alte Bessy-Hefte eingetauscht und unten im Keller versteckt habe, an die Kinderzimmerwand zu hängen, wird noch zehn Jahre einer bleiben – wenn ich mich nicht verrechnet habe. Wie hätte ich auch ahnen können, dass der Bundestag keine zwei Jahre später die Volljährigkeit auf 18 Jahre senken würde? Wirklich, ich lebte in finsteren Zeiten!
Meine Eltern hatten in ihren vier Wänden ein kleines Terrorregime errichtet, ein Unrechtsregiment römisch-katholischer Prägung. Das Haus war bis unters Dach mit Madonnen, Blütenkätzchen und Kruzifixen vollgestopft, und unten im Goggo glänzte die Christophorusplakette. Es herrschte das Faustrecht – allerdings nur das „kleine Faustrecht“, das Faustrecht der Liebe.
Sooft es ging, sattelten wir die Hühner, um in der Dorfkirche die Heilsgeheimnisse zu feiern und die Gnadenmittel zu nehmen. Am Anfang noch mit Fliege und Pepitahütchen, durfte ich später, nach wochenlangem Bittebittesagen, einen modischen Popschlips durchs Dorf tragen. Und so gingen Jahre des Lebens dahin: zwischen Klingelbeutel und Ewigem Licht, zwischen Weihrauchfass und Rohrstock. Unwiederbringlich...
Mein heimlicher Gott – oder besser: mein Matten-Gott – blieb bis in die siebte Klasse hinein Mark Farner, der große Mark Farner von Grand Funk Railroad. Eine Matte bis runter zum Arsch, das war für alle, die keinen Sockenschuss hatten bzw. - wie man damals gern sagte - keine Bregenpanne, der Traum. Die traurige Wirklichkeit hieß Pottschnitt, alle paar Wochen zum Friseur. Und als ich mit klopfendem Herzen die Pforte zur Pubertät aufstupste, sah ich aus, wie frisch dem MAD-Heft entsprungen.
Wie der Heiland in den Kirchen, so hing Herr Farner ab Herbst 1972 an den Zimmerwänden. Wer Poster aufhängen durfte, der hatte todsicher das „Farb-Super-Poster“ aus Pop 9/72 an der Wand, ganz gleich, ob er Grand Funk Railroad gut fand oder nicht. Denn Mark Farner, das war der Inbegriff von Matte. Im Nachhinein fast albern, wo Mark auf dem Poster ja so eine Art Strampelanzug anhat...
Was für unsere Eltern der Völkische Beobachter, das war für uns Pop, das bunte Postermagazin. Prallgefüllt mit Meldungen aus dem gelobten Land, dem Reich der Sitzsäcke und Rückkopplungen, der Bongos und Trompetenhosen, und in der Mitte riesige Altarbilder, dreigefaltet und zum Herausnehmen. Wenn man die auseinanderklappte, entblätterten sich langhaarige Männer. Sagengestalten von biblischen Ausmaßen, von bunten Scheinwerfern grell bestrahlt, versunken in schwere, beglückende Tätigkeit. Wahre Götter, versehen mit glänzenden Werkzeugen. Die einen schlugen auf abenteuerlich verschraubte Hexenkessel ein, die anderen bedienten auffallend langstielige Elektrogeräte, Apparaturen, neben denen die Laubsägen und Gummihämmer unserer Väter lachhaft aussahen.
In unseren Zentralorganen wurden „schöne natürliche Girls zwecks Federkrieg“ angeboten, und auf den „Lipro“-Seiten – die man normalerweise überblätterte, denn „Lipro“ stand für „Liebesprobleme“ – konnte man einen Blick in fremde Kinderzimmer werfen. „Er hat mir meine Schallplatten zertreten, Hefte verbrannt und meine Poster von den Wänden gerissen“, berichtete im Dezember `74 Susanne A. aus T. von einem männlichen Monster, das in ihr Zimmer eingedrungen war. „Ich weiß nicht, was ich tun werde, um all die seelischen Schäden zu überwinden. Wenn ich nur Geld hätte, um zu einem Psychiater zu gehen.“
Das konnte ich Susanne A. aus T. nachfühlen, denn auch ich hatte kein Geld für einen Psychiater. Natürlich musste man diese wertvollen Hefte gut verstecken. Wenn sie gefunden wurden, wanderten sie, nachdem sie wutschnaubend zerknüllt worden waren, in den Mülleimer. Danach regnete es wieder tagelang Weihwasser.
Auf Mark Farner folgte Johnny Winter, auf Johnny Winter Leslie West. Auf Leslie West folgte Rick Wakeman, auf Rick Wakeman Buddy Miles ... Bis zu meiner Befreiung hatte ich noch sieben Jahre auszuharren. Sieben lange Jahre, in denen manch lieber Matten-Gott an mir vorüberschweben sollte.

Beatlemania!
50 Jahre Beatles! Wir feiern mit einem sensationellen Bildband von Fans für Fans, mit Insider-Stories, fantastischen Fan-Fotos, Dokumenten und Faksimiles.

1. Auflage 2010, ca. 140 Seiten, mit über 100 Fotos, Dokumenten u. Faksimiles
ISBN: 978-3-7844-3221-2
19,95 EUR D / 20,60 EUR A / 34,50 CHF (UVP)
LangenMüller

Als sie noch live auftraten, wurden sie von ihren Fans in einem Maße verehrt, wie es keiner anderen Popgruppe je zuteil wurde. Der Kult um die vier Jungs aus Liverpool hält bis heute ununterbrochen an. Die Beatles haben die Musik revolutioniert und die Menschen begeistert. Die Beatles und ihre Fans – das ist ein seit damals andauerndes Liebesverhältnis, fast schon eine Weltanschauung. In diesem aufwändig und liebevoll gestalteten Album wird diese besondere Beziehung dokumentiert – mit vielen raren, zum Teil unveröffentlichten Fotos und Texten. Ein Buch von Fans für Fans.

Mit Texten von Horst Fascher, Lisa Fitz, Chuck Hermann, Jürgen Herrmann, Chris Howland, Klaus Kreuzeder, Gabriele Krone-Schmalz, Uschi Nerke, Abi Ofarim, Brian Parrish, Helmut Schmidt, Manfred Sexauer, Tony Sheridan, Pete York uvm.
Fotos von Bubi Heilemann, Werner Kohn, Ulrich Handl, Rainer Schwanke, Frank Seltier, Günter Zint u.a.