Martin Maria und Michael Kohtes: Lust for Life – New York Clubbing in den frühen 80ern

Auch an diesem Abend starteten wir bei den Drive-thru-Dealern in der East 13th Street (richtig, Kojaks Revier endete an der 14.). Danach ein Tequilastopp im verschissenen Downtown Beirut, damals unter polnischer Leitung, genauer: dem Regiment der Familienmatriarchin. Und endlich weiter nach Alphabet City. Auf den Pyramid Club zusteuernd, sind wir erleichtert: keine Polizeihunde, keine Warteschlange. (Bei den "Trip and Go Naked"-Parties kam zuerst rein, wer sich draußen auszog.)
Hinter der stählernen Doppeltür, vorbei an vier Hells Angels, werden wir aufgesogen von einer dunkel zuckenden Masse. Sonntagnacht gehört den Whispers, seinerzeit die schrägste Dragqueentruppe in New York. Im Vorprogramm: Ethel Eichelberger mit seinem furiosen Ein-Mann-Lear sowie Videos mit RuPaul und John Sex. Dann ein brachiales Interludium von DJ Fuckin-A. Gejohle, Pfiffe, Schreie – und spontane Verbrüderungen, als die Whispers auf die Bühne tippeln. Ihre Neo-Burlesque-Show heizt die Stimmung mit jeder Nummer mehr an. Und endet wie immer damit, dass die Transen auf dem Tresen hopsen: Tanz den Mussolini, Shakin’ Street, Hey Little Girl (natürlich in der Dead-Boys-Version) … An Yellowman war da noch nicht zu denken.

In jener Nacht jedoch hieß unsere Endstation nicht Mudd Club oder Tier 3, sondern – zur eigenen Überraschung – The Reggae Lounge. Wo uns eine Phalanx von Black Panthers empfängt. Ohne Waffenkontrolle kam hier niemand rein, und das war seinerzeit selbst in Lower Manhattan ungewöhnlich. Durch einen Tunnel nähern wir uns dem rabenblauen Licht. Um uns herum hip-elegante Farbige. Und viel Rauch. Dazu der Gesang einer Sirene: soft, cool ’n’ easy. Im Halbdunkel ist kaum auszumachen, ob die Paare dort tanzen oder kopulieren. So ging das noch eine Dreiviertelstunde. An Yellowman war da immer noch nicht zu denken.

Dann aber: „Ladies and Gentlemen…!“ Angekündigt wird eine Ausnahmeerscheinung – die sich auch prompt als solche herausstellt: Ein leptosomer Albino-Rasta hüpft wie aufgezogen ins Rampenlicht. ZUNGGUZUNGGUZUNGGU¬ZENG! Wie ein Stromschlag fährt es in die Leiber. Wippende Köpfe, rudernde Arme. Stampfrhythmus und Sprechgesang entfalten ihre hypnotische Wirkung. ZUNGGUZUNGGUZUNGGUZENG. Niemals zuvor und nie wieder danach hat man Noctambule derart außer sich gesehen. Und auch für uns ist dies a white moment – die Stunde der raren Entrückung.

Wer in Gottes Namen ist dieser Typ? Yellowman begann ganz – ganz – unten: Als Findelkind und, mehr noch, als Weißling war er in Jamaika ein Unberührbarer. Trotz dieses Stigmas avancierte er zum ersten Superstar der Dancehall-Ära. Nicht zuletzt dank genial obszöner, selbstironischer Texte, die seine unwiderstehlichen Körperreize anpreisen (Dem A Mad Over Me). Einen Zug ins Makabre bekam dies, als zunächst ein Kieferkrebs-, später ein Hautkrebsleiden sein Gesicht bös entstellte.
Mit seinen forcierten Rhythmen und unerhörten Reimen wurde King Yellowman stilbildend. Als Wegbereiter von Dancehall und Toasting (dem jamaikanischen Vorläufer des Rap) beeinflusste er nicht nur den Sound seiner Heimatinsel, sondern auch die schwarze Popmusik insgesamt. So adaptierten etliche Hip-Hop-Häuptlinge – von Notorious B.I.G. bis Tupac Shakur – zumal seinen Zungguzungguzungguzeng-Riddim.

Sieht ganz so aus, als wären wir damals im Mikrokosmos des East Village in jenen subkulturellen Urschlamm geraten, der unsere Clublandschaft bis heute formt. Etwa mit HipHop, Ragga, D’n’B. – Und hörte man jüngst nicht auch hierzulande irgendwas von „New Burlesque“?

Nach der Sommerpause


7.9.2010

Liebe Freunde,

selbst in Bayern gehen die Sommerferien allmählich zu Ende. Und die Beat Stories erscheinen nun wieder regelmäßig.

Viel Vergnügen und keep on rockin`,
Thomas Kraft

Gordon Lightfoot: Sundown (1974)

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Als sie noch live auftraten, wurden sie von ihren Fans in einem Maße verehrt, wie es keiner anderen Popgruppe je zuteil wurde. Der Kult um die vier Jungs aus Liverpool hält bis heute ununterbrochen an. Die Beatles haben die Musik revolutioniert und die Menschen begeistert. Die Beatles und ihre Fans – das ist ein seit damals andauerndes Liebesverhältnis, fast schon eine Weltanschauung. In diesem aufwändig und liebevoll gestalteten Album wird diese besondere Beziehung dokumentiert – mit vielen raren, zum Teil unveröffentlichten Fotos und Texten. Ein Buch von Fans für Fans.

Mit Texten von Horst Fascher, Lisa Fitz, Chuck Hermann, Jürgen Herrmann, Chris Howland, Klaus Kreuzeder, Gabriele Krone-Schmalz, Uschi Nerke, Abi Ofarim, Brian Parrish, Helmut Schmidt, Manfred Sexauer, Tony Sheridan, Pete York uvm.
Fotos von Bubi Heilemann, Werner Kohn, Ulrich Handl, Rainer Schwanke, Frank Seltier, Günter Zint u.a.

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