Uwe Kolbe: The Temptations im Radio



“Here we go with the Top 40 hits of the nation this week on American Top 40, the best-selling and most-played songs from the Atlantic to the Pacific, from Canada to Mexico. This is Casey Kasem in Hollywood, and in the next 3 hours, we'll count down the 40 most popular hits in the United States this week…”

Dies waren die Worte von Casey Kasem am 4. Juli 1970, als er in den USA das erste Mal auf Sendung ging, und so oder sehr ähnlich war seine Ansage, als ich ihn wenig später das erste Mal hörte, den Moderator mit der markanten Stimme, und mit ihm, in seiner Show von Anfang an auch die Temptations. Stimme und Musik kamen da noch aus dem Mittelwellenempfänger, den mein Stiefvater für mich zusammengelötet und in eine Zigarrenkiste mit Kopfhörerbuchsen eingebaut hatte. Unter den Kopfhörern mag fünfundzwanzig Jahre davor ein Wehrmachtsfunker gesteckt haben. Mittwochabends lag ich im Bett und hörte die Wiederholung der Sendung vom Wochenende auf AFN alias American Forces Network Radio. „Casey Kasem – from Coast to Coast!“ – diese Ansage eröffnete einen unendlich großen Raum, auch südlich der Ufer von Panke und Eschengraben. Der Tamla-Motown-Sound, der sich unter anderem aus den Songs von Stevie Wonder, Diana Ross & The Supremes, der Jackson 5, Lionel Richie, Marvin Gaye und eben der Temptations zusammensetzte, lagerte sich bei dem Knaben in seinem Berliner Zimmer harmonisch an Rolling Stones, Beatles, Led Zeppelin, Neil Young, Jimi Hendrix und die Stimme von Inga Rumpf an. Die kleine Genussmaschine im Ohr war flexibel, sie nahm es so, wie es aus dem Radio kam, nahm es und mixte es neben-, über-, durch- und ineinander. Zur passenden Stimmung den passenden Sender, das war die Wahl, und wenn etwa der RIAS auf Mittelwelle grausam heulte, weil er auf DDR-Gebiet bis 1978 gestört wurde, dann fiel zum Glück bald das Kofferradio „Stern Smaragd“ vom Geburtstagshimmel, samt UKW im begehrten Holzgehäuse.

Hier muss auch die Rede sein von einem leidvollen Aspekt meiner Jugend, den ich vermutlich mit allen jugendlichen Radiohörern damals teilte, der aber diejenigen in den geschlossenen Gesellschaften Osteuropas mehr quälte als die West-Hörer. Wir konnten doch die Platten nicht einfach so im Laden kaufen, selbst wenn wir genug Taschengeld gehabt hätten! Das war doch das Problem! Stellen wir uns also einen Schulhof in Berlin-Pankow Anfang der 70er Jahre vor. Einer der Burschen in der Ecke fragt in die Runde, wer „In-a-gadda-da-vida“ kenne von Iron Butterfly. Alle kennen es, klar wie Kloßbrühe, auch wenn es bislang nicht jeder gehört hat und dies jetzt nicht sagt. Jeder kannte das gewaltige Zirkusstück, wenn er es denn kannte, nur so, wie es gelegentlich im Radio zu hören war. Nun schwärmt einer, Mensch! davon gäbe es eine Langfassung, sechzehn Minuten, sagt er, nee, siebzehn, ein anderer. Die blenden immer bei dem Schlagzeugsolo aus. Und dann, dann der Moment, wo sie es einmal ausspielen, einmal nicht ausblenden, und dann..., später, schon im Besitz eines Kassettenrekorders, ja, nur eben zu spät eine leere Kassette gefunden, es nicht gleich kapiert, was da abging.

Nun stelle man sich vor, wie es war, wenn Casey Kasem ankündigte, er spiele heute den und jenen Titel aus. Ein Traum! Ich rede natürlich von den zwei grandiosesten, die ich von den Temptations kenne, ich rede von „Papa Was a Rollin’ Stone“ und von „Masterpiece“. Soul-Puristen fanden und finden diese Stücke ausufernd und instrumental überfrachtet. Die damalige Strömung trug das Beiwort „psychedelisch“. Verantwortlich dafür war der Produzent Norman Whitfield, inspiriert wiederum vom Sound der Funkband Sly and The Family Stone. Die fünf Sänger der Temptations waren, heißt es, selbst mit der zunehmenden Rolle der Instrumentals in den Songs dieser Jahre unzufrieden. Whitfield verließ im Zuge der Auseinandersetzungen Motown.

Für den dreizehn- bis sechzehnjährigen Burschen waren es Feiertage, wenn die Langversionen gerade dieser Stücke gespielt wurden. „Papa Was a Rollin’ Stone“ ist in der LP-Fassung über zwölf Minuten lang, als Single sieben, doch selbst die waren für das Programm der Moderatoren normalerweise auch damals schon zuviel. Casey Kasem jedenfalls war immer wieder der Lichtbringer.

Und dann ging es los: Aus dem Nichts Bass und Hih-Hat, erste Gitarre, sphärische Streicher, zweite Gitarre, nach einer halben Minute die hallende Trompetenfanfare, nach einer Minute ein Harfenriff, nun das schnelle Klatschen der Hände, Harfenperlen hinterher, nach knapp zwei Minuten die erste Strophe, David Edwards, damals Leadsänger der Band: It was the third of September. That day I'll always remember, yes I will. 'Cause that was the day that my daddy died. I never got a chance to see him. Never heard nothing but bad things about him. Mama, I'm depending on you to tell me the truth. Die Angesprochene nun lässt den Kopf hängen, und der Chor spricht aus, was sie über ihren toten Mann zu sagen hat: Papa was a rolling stone. Wherever he laid his hat was his home. And when he died, all he left us was alone. Und Strophe für Strophe entfaltet sich das Porträt des stehlenden, lügenden Schürzenjägers, der weder für seine Kinder da war noch ihnen etwas hinterlassen hat. Was den jungen Mann da anmachte und anging, war aber nicht dieses Porträt, nicht gewisse Parallelen im eigenen Leben. Es war nicht einmal, dass ihm das Bild des „Rollin’ Stone“ nahe ging als eine verklärende Selbstbeschreibung. Nein, es war gar nichts „Inhaltliches“, sondern es waren Rhythmus, Klang, Stimmlagen, es war der Mix, das Hinein und Hinaus der Instrumente, das Pathos, aufgebaut von Trompete, Harfe und Streichern. Dass der Song verrückterweise auf einem einzigen Moll-Akkord steht, spielt vielleicht auch eine Rolle. Es war genau das, wofür Barrett Strong, vor allem aber Mitkomponist und Produzent Norman Whitfield alles riskierten im Verhältnis zu den Sängern. Man liest sogar, Whitfield hätte Leadsänger Edwards die erste Strophe extra oft singen lassen, weil er wusste, dass dessen leiblicher Vater zufällig auch an einem dritten September gestorben war. Er habe den richtigen Ärger in die Stimme bekommen wollen. Der Erfolg war gigantisch, bis heute ist es wohl der bekannteste Song der Band, obwohl ursprünglich nicht einmal für sie komponiert und mehrfach gecovert.

Der Eindruck des Jugendlichen, naiv und total, ist nie mehr einzuholen, nicht mehr heraufzuholen. Mehr einsames, schwarzes, sehnendes Fühlen war kaum zu haben als beim Hören dieser Musik, am Radio im Jahr 1973, kaum mehr, als sich dann auf dem Papier entlud, in genau diesem Jahr, als er etwas wie Gedichte zu schreiben begann.

Dass ich die Temptations in einer der späteren Besetzungen einmal hörte, im Sommer 1999 in Meersburg am Bodensee, fünf Herren in orange Overalls, es reichte keinesfalls an die Erinnerung an die Zeit ohne Platten und ohne die Chance, einen Live-Auftritt zu erleben, heran.

Letztens allerdings kam ich der Emphase beim früheren Hören des Songs wieder nahe. Es war, als Vance „Guitar“ Kelly mit den erstaunlichen Herren von The Backstreet Blues Band auf der winzigen Bühne in Chicagos B.L.U.E.S. Club ein grandioses Potpourri von Songs der Temptations hinlegte. Selbstverständlich begann es mit dem Intro von „Papa Was a Rollin’ Stone“. Das Publikum in dem rappelvollen Club erlebte einen kraft- und saftvollen Abend, aber es war nur einen Augenblick lang elektrisiert, ganz da, ganz aus dem Häuschen, genau diesen, und ich mit ihm.

Nach der Sommerpause


7.9.2010

Liebe Freunde,

selbst in Bayern gehen die Sommerferien allmählich zu Ende. Und die Beat Stories erscheinen nun wieder regelmäßig.

Viel Vergnügen und keep on rockin`,
Thomas Kraft

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