Jochen Schimmang: Das Beste, was wir hatten
Roman. Edition Nautilus, Hamburg 2009. 319 Seiten, 19,90 Euro
Wider das Vergessen sind bereits die autobiographischen "Erinnerungen eines Dreißigjährigen" gerichtet, wie der Roman "Der schöne Vogel Phönix" (1979) im Untertitel heißt. Ende der Siebziger wird hier tagebuchartig zurückgeschaut auf das Ausklingen der Studentenrebellion in Berlin, wo sich die gesellschaftspolitischen Ideale und Utopien in Sektierertum und Gruppenzwang pulverisierten. Dreißig Jahre nach diesem Debüt blickt Jochen Schimmang, 1948 in Northeim (Niedersachsen) geboren, auf die Wendejahre um 1989, um zu ähnlichen Ergebnissen zu gelangen: "Wie naiv wir damals waren", sagte Gregor. "Oder ich jedenfalls. Ich hatte wirklich geglaubt, der ewige Frieden sei angebrochen. Wenigstens für uns!"
In seinem fünften Roman erzählt der Politikwissenschaftler und Schriftsteller Jochen Schmmang in vielen Zeitblenden und Sprüngen die Geschichte zweier Freunde, Gregor Korff und Leo Münks, und mit ihr auch die Geschichte der linken Szene in Deutschland der letzten vier Jahrzehnte.
Bezeichnenderweise beginnt der Roman mit Samuel Becketts "Endspiel", das die beiden Halbwüchsigen Gregor und Nott 1963 in einem verlassenen Schuppen inszenieren und dabei die Beatles hören: "Listen, do you want to know a secret...". Geheimnisse gab es damals viele: die Affäre um Christine Keeler, die englischen Posträuber, "A Hard Day´s Night" und die Spielchen mit Angela und Reni im Schuppen. Auch die Achtziger entpuppten sich als harte Jahre: "Sonja, die letzte und heftigste seiner Affairen, hatte plötzlich die Beatles entdeckt. Sie wollte wirklich alles von ihnen haben und war sogar hinter alten Fanzines her. Gregor stand kurz davor, ihr seine alten `Beatles Monthly´ zu schenken, horchte dann aber in sich hinein und entdeckte, dass seine Liebe so weit nicht ging."
Eine Zeit wie in der Berliner Kneipe "Natubs", "voll süßer Gerüche und guter Musik", wo man gerne verkehrte. Mit der Sozialisierung kam die Politisierung, kamen Freud, Reich, Marx und Adorno. Eine typische Lebensgeschichte aus der linken Szene, nostalgisch, zuweilen auch sentimental. Agitprop, Weltrevolution, Diskussionskreise und viele "schöne Sätze", die keiner verstand. Erinnerungsliteratur, erfahrungsgesättigt, ohne satt zu wirken.
Doch dann, nach vierzig Seiten, schlägt die Geschichte einen Haken. Leo kommt ins Spiel, ein Berliner Ex-Kommunarde, mittlerweile beim Verfassungsschutz in Köln tätig. Gregor, von der Universität in die staatliche Bürokratie gewechselt, liebt inzwischen sein Land und fährt mit einem Borgward durch die Weinberge. Die Bonner Machtherren heuern ihn an, er vögelt die Frau seines besten Freundes, seine Angebetete verlässt ihn über Nacht, sein Vater stirbt, die Einheit naht, die große Geschichte läuft zwischen den Zeilen mit, und man begleitet Gregor und Leo durch verlorene Geheimnisse und absehbare Enttäuschungen.
Als eine Geliebte sich als Stasi-Spitzel entpuppt, verliert er Job und Contenance. Ein Nachbar macht in Sachen Anarchismus und will das Niederwalddenkmal in die Luft sprengen. Peter Glotz irrlichtert durch den Roman und kommentiert ironisch das Zeitgeschehen. Und dazwischen immer mal wieder Tränen der Erinnerung darüber, "dass man das einmal gelebt hatte, im Original gewissermaßen, und das es zwar unwiederbringlich war, aber allen denen, die hier standen, auch nicht genommen werden konnte".
Am Schluss des Romans wird das zu einem guten Ende geführt, was vor dreißig Jahren nicht funktioniert hatte. Bob Dylan und die Beatles liefern die Begleitmusik, und ein Hauch von Freiheit weht durch die letzten Seiten. Aber das wirkt nicht kitschig, sondern nur konsequent zu Ende erzählt.
Jochen Schimmang ist mit dieser Moritat über das richtige Leben im falschen zugleich eine tour d´horizon quer durch die deutsche Mentalitätsgeschichte gelungen. Detailliert, zuweilen (selbst-)ironisch und stets unterhaltsam zu lesen - "Das Beste, was wir hatten" ist auch ein kleiner, anarchischer Bildungsroman der alten Art, fast im Eichendorff´schen Sinne: "Und Sie, wohin gehen Sie jetzt?", fragte das Mädchen. "Ich weiß noch nicht. Ziemlich weit, glaube ich."
Nach der Sommerpause

7.9.2010
Liebe Freunde,
selbst in Bayern gehen die Sommerferien allmählich zu Ende. Und die Beat Stories erscheinen nun wieder regelmäßig.
Viel Vergnügen und keep on rockin`,
Thomas Kraft
Gordon Lightfoot: Sundown (1974)
Beatlemania!

1. Auflage 2010, ca. 140 Seiten, mit über 100 Fotos, Dokumenten u. Faksimiles
ISBN: 978-3-7844-3221-2
19,95 EUR D / 20,60 EUR A / 34,50 CHF (UVP)
LangenMüller
Als sie noch live auftraten, wurden sie von ihren Fans in einem Maße verehrt, wie es keiner anderen Popgruppe je zuteil wurde. Der Kult um die vier Jungs aus Liverpool hält bis heute ununterbrochen an. Die Beatles haben die Musik revolutioniert und die Menschen begeistert. Die Beatles und ihre Fans – das ist ein seit damals andauerndes Liebesverhältnis, fast schon eine Weltanschauung. In diesem aufwändig und liebevoll gestalteten Album wird diese besondere Beziehung dokumentiert – mit vielen raren, zum Teil unveröffentlichten Fotos und Texten. Ein Buch von Fans für Fans.
Mit Texten von Horst Fascher, Lisa Fitz, Chuck Hermann, Jürgen Herrmann, Chris Howland, Klaus Kreuzeder, Gabriele Krone-Schmalz, Uschi Nerke, Abi Ofarim, Brian Parrish, Helmut Schmidt, Manfred Sexauer, Tony Sheridan, Pete York uvm.
Fotos von Bubi Heilemann, Werner Kohn, Ulrich Handl, Rainer Schwanke, Frank Seltier, Günter Zint u.a.



