Manfred Chobot: Grenzen des Rundfunks dazumal & wie ich die Fugs entdeckte


Ich hatte mir ein Wörterbuch des amerikanischen Slangs gekauft. „Yummy, yummy I got love in my tummy.“ Kaugummi-Musik, nicht wert, dass man sich die Fruchtgummi-Kompanie merkt. Na da schau her, was heißt denn das? „Lecker, lecker“ oder „Möse, Möse, ich habe Liebe im Bauch.“ Diese Variante erschien mir überzeugender. Denn ich schrieb Gedichte. Seit ich die Texte der Beat-Poets1 für mich entdeckt hatte, konnten mir die Herren Rilke, Trakl und Konsorten gestohlen bleiben. Da betitelte einer doch glatt sein Buch „Cunt“2 (John Giorno) und ein anderer (Michael McClure) eindeutig am Umschlag zu kapieren: „Dunkelbraun“3. (Als Janis Joplin „Mercedes Benz“ a cappella sang, war mir der Dichter Michael McClure längst vertraut.) Meine Literatur-Bibel wurde „Acid. Neue amerikanische Szene“4. Besonders faszinierte mich Tuli Kupferberg, „Wenn die Musik sich ändert, zittern die Mauern der Stadt“. Mir fiel das Heft der Zeitschrift „Eröffnungen“ in die Hände mit Kupferbergs „1001 Wege ohne Arbeit zu leben“.5
Im Herbst 1971 schickte ich Gedichte und Kurzprosa an den Österreichischen Rundfunk. Musikbox hieß die Sendung, die jeden Donnerstag in der „Spezialbox“ Texte junger Dichter brachte. Ein Redakteur rief daheim an. Mutter kapierte nicht, wovon der Mann am Telefon sprach. „Komm ins Funkhaus. Wir brauchen ein Interview von dir.“ – „Wann?“ – „Na jetzt, wann denn sonst.“ – („Du lieber Himmel!“) – (Der damalige Redakteur Alfred Treiber ist heute Chef von Ö1.) Am 21. Oktober 1971 waren zum ersten Mal Texte von mir im Österreichischen Rundfunk zu hören. Live aus dem Studio. Keine Konserve. Was der Sprecher sprach, hörte der Hörer. Im selben Augenblick.

Die Atmosphäre des Rundfunks faszinierte mich, die Vorstellung, selbst eine Sendung zu gestalten, reizte mich. „Wir planen eine Sendung über Pete Brown & Piblokto! Kennst du jemanden, der englische Texte übersetzen kann?“ Lange nachdenken musste ich nicht, doch lange ließ die Antwort auf sich warten, bis ich es wagte: „Also – na ja – vielleicht ich.“ Pete Brown kannte ich als Texter der „Cream“, „Sunshine of Your Love“, “I Feel Free”, von Jack Bruce gesungen „Rope Ladder to the Moon“. Dass er daneben auch Gedichte schrieb und eine eigene Band hatte, war mir neu. „Let ’Em Roll, Kafka“ hieß sein 1969 veröffentlichter Gedichtband. Einige Gedichte dieser Sammlung übersetzte ich für die Sendung „Die Steaks werden immer dünner“.6

Ich schlug vor, eine Sendung über Frank Zappas neues Album „200 Motels“ zu gestalten. Der Vorschlag wurde angenommen. Allmählich wurde mir bewusst, worauf ich mich eingelassen hatte. Wörter wie ficken, Hure, Schwanz, Möse und ähnliches waren ein absolutes Tabu für den Rundfunk. Die Moralhüter lagen auf der Lauer. Ich verwandelte Hure in Kellnerin und ließ allzu direkte Dinge einfach aus. Das schlechte Gewissen quälte mich. Wenn jemand gut Englisch kann und bemerkt, dass ich da und dort ein paar Zeilen ausgelassen habe? Also vermerkte ich zu meiner Rechtfertigung für den Redakteur: „Wenn ich nicht jede Zeile übersetzt habe, so nicht deshalb, weil ich sie nicht verstanden habe, sondern vielmehr, weil ich sie sehr wohl verstanden habe.“ Der Redakteur fand meine Anmerkung sowohl witzig als auch treffend und in der Absage wurde dieser Satz zitiert. Eine Nummer wie „Penis Dimension“ ging ohne Übersetzung über den Sender. Da gab es nichts zum Auslassen oder Verschleiern.7

Ich wurde in die Redaktion der „Musikbox“ aufgenommen und übersetzte Teile von Lennons sprachverspielten Büchern „In His Own Write“ und „A Spaniard in The Works“, Gedichte aus Jim Morrisons „The Lord and The New Creatures“, Songs von The Doors, Janis Joplin, Van Morrison („Astral Weeks“), Jethro Tull („Thick As a Brick“) und vieles mehr. Über William Carlos Williams konnte ich eine Sendung gestalten. Als ich Ginsberg vorschlug, hieß es: „Allen Ginsberg? – Wer ist das?“ Wenn der Chefredakteur sprach, war gesprochen. Wobei er nicht sogleich sagte, was er meinte, hinhalten, verzögern, Jein. Um seine Taktik zu begreifen, brauchte ich Jahre. Ginsberg wurde nicht gesendet.
Indes entwickelte ich subversive Fähigkeiten. Von den Fugs war ich überwältigt. Nicht die Mauern der Stadt erzitterten, sondern meine Wahrnehmung. „Man braucht keine formale Ausbildung, um malen, singen, schreiben oder tanzen zu können – man muss es einfach tun.” Ohne ein Instrument zu beherrschen hatte sich Tuli Kupferberg mit Ed Sanders und Ken Weaver 1964 zusammengetan und mit einfachen technischen Mitteln Songs, vielmehr vertonte Gedichte, aufgenommen. „We are from the East Side, we are the Fugs.“ Der Name war aus dem Roman “Die Nackten und die Toten“ von Norman Mailer entlehnt. Lyriker hatten für sich die Musik entdeckt. Sie trugen ihre Gedichte nicht vor, sondern sangen – oder besser gesagt – grölten sie. Das war der Wahnsinn pur! Die Herren Schmidt-Joos und Graves behaupteten im „Rocklexikon“8, die Fugs seien nur gegründet worden, „um deren Polit-, Drogen- und Pornotexten ein möglichst großes Publikum zu erschließen“, nannten die Musiker durchschnittlich, „die Fugs begeisterten durch ihren bissigen, zumeist freilich recht naiven Witz.“ Die Songs waren keine Sketches, Herr S-J und Herr G! Ich verachtete das „Rocklexikon“.

Kaufte vielmehr alle Platten der Fugs. „Wir müssen sie aus den USA importieren, in Großbritannien sind die Platten nicht lieferbar.“ Meinetwegen importiert sie. Amerikanischen Platten erkannte man bereits am Cover: während die englischen und deutschen eine dünne Hülle besaßen, darauf aufgedruckt Bild und Text und danach zellophaniert, bestanden die amerikanischen Hüllen aus hartem Karton, auf dem die Abbilder aufgeklebt waren.
Die Fugs waren Punks, lange bevor es Punk gab. Peter Stampfel und Steve Weber von den „Holy Modal Rounders“ fügten sich als „Hilfskräfte“ ein, beherrschten sie doch wenigstens ein Instrument. „I am an artist for arts sake”, verkündete Tuli Kupferberg. Recht hatte er! Tuli Kupferberg, Jahrgang 1923, kann für sich in Anspruch nehmen, der älteste performing Artist unter den Rock ’n’ Rollern und Punks zu sein. Mehr als zwanzig Jahre nach ihren Anfängen standen die Fugs in den 1980er und 1990er Jahren wieder auf der Bühne.

Wo immer ich konnte, schummelte ich Songs der „Fugs“ ins ehrwürdige Programm des Österreichischen Rundfunks: den „CIA Man“, die Coca Cola Dusche, Anklage und Verurteilung des Vietnam-Kriegs, freie Sexualität. Die Vertonung der ersten Verse von Ginsbergs „Howl“ konnte ich auf diese Weise doch über den Sender in den Äther hinaus blasen. Das war meine Art von Sabotage sowie eine stille Genugtuung dem Chefredakteur gegenüber.
Meine Lieblingsnummer war der „Yodeling Yippie“. Ein Song, der sich nach Country & Western anhörte, jedoch wenn man genau hinhörte, sangen die Fugs: „I feel like Homemade Shit.“ Hier versagte die Zensur kläglich, da die Zensoren eben nicht genau zuhörten und mit ihrem „Latein“ am Ende waren, wenn die Herren Kupferberg und Sanders das Wort Shit verjodelten. So kann man mit kleinen Sachen (sich selbst) große Freude machen.
Als die Anforderungen an die Tonqualität immer höheren Ansprüchen genügen mussten, hatte ich es schwer mit dem Fugs. Tatsächlich ließ die Aufnahmequalität ihrer Platten zu wünschen übrig, das konnte ich leider nicht leugnen. Vielleicht lag es auch daran, die sie sich allzu oft auf meinem Plattenteller gedreht hatten9.

1 Beat. Eine Anthologie. Herausgegeben von Karl O. Paetel, Rowohlt, Reinbek 1962
2 John Giorno: Cunt. März Verlag, Darmstadt 1969
3 Michael McClure: Dunkelbraun. März Verlag, Frankfurt/Main 1970
4 Acid. Neue amerikanische Szene. Herausgegeben von Rolf Dieter Brinkmann und Ralf-Rainer Rygulla, März Verlag, Darmstadt 1969
5 Tuli Kupferberg, 1001 Wege ohne Arbeit zu Leben. Übertragen aus dem Amerikanischen von Hubert Fabian Kulterer und Max A. Wickert. Eröffnungen, Nr. 22, 70/71
6 ORF, Ö3, gesendet am 25. März 1972
7 ORF, Ö3, gesendet am 14. September 1972
8 Siegfried Schmidt-Joos und Barry Graves: Rocklexikon. Rowohlt rororo, Reinbek 1973
9 The Fugs First Album; The Fugs; Virgin Fugs; Tenderness Junction; It Crawled into My Hand, Honest; The Belle of Avenue A; Golden Filth – Alive at The Filmore East

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LangenMüller

Als sie noch live auftraten, wurden sie von ihren Fans in einem Maße verehrt, wie es keiner anderen Popgruppe je zuteil wurde. Der Kult um die vier Jungs aus Liverpool hält bis heute ununterbrochen an. Die Beatles haben die Musik revolutioniert und die Menschen begeistert. Die Beatles und ihre Fans – das ist ein seit damals andauerndes Liebesverhältnis, fast schon eine Weltanschauung. In diesem aufwändig und liebevoll gestalteten Album wird diese besondere Beziehung dokumentiert – mit vielen raren, zum Teil unveröffentlichten Fotos und Texten. Ein Buch von Fans für Fans.

Mit Texten von Horst Fascher, Lisa Fitz, Chuck Hermann, Jürgen Herrmann, Chris Howland, Klaus Kreuzeder, Gabriele Krone-Schmalz, Uschi Nerke, Abi Ofarim, Brian Parrish, Helmut Schmidt, Manfred Sexauer, Tony Sheridan, Pete York uvm.
Fotos von Bubi Heilemann, Werner Kohn, Ulrich Handl, Rainer Schwanke, Frank Seltier, Günter Zint u.a.